Eisengießerei Karlshütte

Eisengießerei Karlshütte

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Eisengießerei Karlshütte

Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und Kundenaufträge, die sich über Jahre von profitablen zu unprofitablen entwickelt hatten, brachten die Eisengießerei Karlhütte in eine wirtschaftliche Schieflage. Letztendlich kam das Unternehmen in eine Insolvenzantragspflicht. Im April 2012 entschied sich der Geschäftsführende Gesellschafter des Traditionsunternehmens, Karl-Heinrich Thiele, für den Weg über ein Insolvenzplanverfahren in Eigenverwaltung. Sieben Monate später konnte der Insolvenzplan wieder aufgehoben werden. Damit ist dieses Verfahren eines der kürzesten Planverfahren in Deutschland, welches nach neuem Recht durchgeführt wurde. Dr. Jochen Vogel beschreibt die Tage eines Chief Restructuring Officer (CRO) vor der Antragstellung.

Bereits im ersten Telefonat mit Karl-Heinrich Thiele wurde deutlich, die Eisengießerei Karlshütte war im März 2012 an einen kritischen und existenzbedrohenden Punkt angekommen. Das Unternehmen befand sich in einer angespannten Liquiditätssituation, die sofortiges Handeln erforderte, wenn das Unternehmen die nächsten Wochen überstehen sollte. Unternehmenslenker Thiele hatte von einem Berater den Hinweis bekommen, dass das Beratungsunternehmen Buchalik Brömmekamp sich auf solche Krisenszenarien spezialisiert hat, und erwartet nun erste Handlungsalternativen.

Analyse der Unternehmensdaten

Das eiligst zusammengestellte Projektteam analysierte die ersten Unterlagen der Karlshütte, die die wirtschaftliche Gesamtsituation darstellten, und bezifferte grob den erforderlichen Liquiditätsbedarf der nächsten Wochen. Um einen umfassenden Einblick zu erhalten, wurde ein Tag später ein Restrukturierungs-Workshop mit dem geschäftsführenden Gesellschafter, seinen wichtigsten Mitarbeitern und einem Teil des Projektteams durchgeführt. In dem ganztägigen Workshop wurde nunmehr ein mehrseitiger Fragenkatalog intensiv durchgearbeitet.

Kernelemente des Workshops waren:

  • Erhebung der Ist-Situation in den einzelnen Unternehmensbereichen (Einkauf, Produktion, Vertrieb, Logistik etc.) durch eine SWOT-Analyse (Stärken-Schwächen-Chancen-Risiken-Analyse) und Schaffung von Transparenz über die relevanten Parameter,
  • Abfrage des Eigenbildes aus den Blickwinkeln der verschiedenen Teilnehmer,
  • Erörterung von Perspektiven, Strategien und Zielen,
  • Bestimmung von möglichen Sanierungspotentialen und Verbesserungen,
  • Diskussion von Gestaltungsalternativen und tendenziellen Lösungsansätzen sowie
  • Definition sowie Priorisierung von Handlungsfeldern und weiteren Schritten.

Diese Vorgehensweise dient dazu, in möglichst kurzer Zeit eine Vielzahl von Schwachstellen, aber auch Verbesserungspotentialen innerhalb des betroffenen Unternehmens zu identifizieren. Am Ende des Workshop-Tages konnte das Projektteam auf zahlreiche Informationen zugreifen.

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Eisengießerei Karlshütte

Produktionsexperte suchte nach Sanierungspotenzialen

Die nächsten Tage dienten nunmehr dem Projektteam dazu, die gewonnenen qualitativen und quantitativen Informationen auszuwerten. Weitere rechtliche, betriebswirtschaftliche und operative Fragestellungen wurden erörtert und gelöst. Zur weiteren Analyse möglicher operativer Sanierungspotentiale wurde darüber hinaus ein Produktionsexperte der Buchalik Brömmekamp Unternehmensberatung beauftragt, sich einen ersten Überblick über die entsprechenden Produktionsanlagen und innerbetrieblichen Abläufe zu verschaffen. Hierfür wurden aufgrund der Kürze der Zeit nur zwei Tage angesetzt.

Nur zwölf Tage nach dem ersten Kontakt durch den geschäftsführenden Gesellschafter waren die Unternehmensunterlagen soweit aufbereitet, dass verschiedene Szenarien einander gegenübergestellt werden konnten. Dabei handelt es sich um ein Going-Concern-Szenario, ein Liquidationsszenario sowie das Insolvenzplanszenario.

Liquide Mittel fehlten

Einen Tag später stellten Geschäftsführer Karl-Heinrich Thiele und Dr. Jochen Vogel der finanzierenden Hausbank die verschiedenen Handlungsalternativen vor. Schon in diesem Gespräch machte das Kreditinstitut deutlich, dass sie keine weiteren liquiden Mittel bereit stellen würde. Andererseits lies die Bank erkennen, dass sie einem möglichen Sanierungsweg über eine (vorläufige) Eigenverwaltung positiv aufgeschlossen gegenüber stehen würde. Ebenso konnten auch die weiteren Gesellschafter kein weiteres Geld dem Unternehmen zur Verfügung stellen.

Geschäftsführung und Gesellschafter verständigten sich darauf, nun unverzüglich einen Insolvenzantrag auf (vorläufige) Eigenverwaltung beim Amtsgericht Bielefeld zu stellen. Im Hintergrund hatten die Mitarbeiter des Projektteams die für die verschiedenen Handlungsalternativen notwendigen, betriebswirtschaftlichen, juristischen und kommunikativen Unterlagen vorbereitet, darunter auch den Insolvenzantrag.

Parallel waren weitere, ganz wesentliche Maßnahmen erfolgt, so

  • ein Vorgespräch mit dem zuständigen Gericht,
  • die Koordination und Einberufung eines präsumtiven vorläufigen Gläubigerausschusses,
  • die Durchführung einer Sitzung mit dem präsumtiven konstituierenden vorläufigen Gläubigerausschuss,
  • die Fertigstellung der entsprechenden Kommunikationsmaßnahmen für die relevanten Stakeholder-Gruppen,
  • Auswahl des vorläufigen Sachwalters durch den vorläufigen Gläubigerausschuss sowie
  • die Bestellung eines weiteren Geschäftsführers als Sanierungsgeschäftsführer (CRO).

Problemlose Antragstellung

16 Tage nach dem ersten Telefonat mit Geschäftsführer Thiele konnte der Antrag beim Amtsgericht eingereicht werden. Aufgrund der Vorgespräche mit der zuständigen Richterin, in dem der Sanierungsplan vorab erklärt wurde, erhielt die Karlshütte noch am selben Tag die Beschlüsse. In einer Mitarbeiterversammlung unter Teilnahme der örtlichen Gewerkschaft wurden die Sanierungsmaßnahmen und das weitere Vorgehen dargestellt. Zu dieser Veranstaltung konnten bereits die erforderlichen Erklärungen für die Insolvenzgeldvorfinanzierung unterzeichnet werden, sodass die fristgerechte Lohnzahlung für die nächsten drei Monate sichergestellt war. Besonders positiv wurde von den Mitarbeitern aufgenommen, dass sich die Unternehmensleitung zum Ziel gesetzt hatte, die Restrukturierung weitestgehend ohne Entlassung durchzuführen. Allerdings sollten die innerbetrieblichen Abläufe neu gestaltet und gestrafft werden.

Anforderungen nach Antragstellung

Nach der reibungslosen Antragstellung begann die eigentliche Arbeit von CRO Vogel. Hierzu zählten u.a.:

  • die Abstimmung mit dem vorläufigen Sachwalter zu Aufgaben und Abläufen (z.B. Buchungsbelegen),
  • das Aufsetzen interner Prozesse für Insolvenzbuchhaltung, Tagesreporting, Zentralisierung von Einkaufsprozessen,
  • Verarbeitung der zur Antragstellung ermittelten Inventurergebnisse,
  • Erarbeitung einer Sitzungsroutine für den vorläufigen Gläubigerausschuss,
  • Umsetzung der operativen Restrukturierungsmaßnahmen sowie
  • Beginn der Verhandlungen mit Banken und Lieferanten.

Besonders zeitaufwändig gestalteten sich die persönlichen Besuche der wichtigsten Kunden und Lieferanten, um über den weiteren Ablauf zu informieren und um das Vertrauen in die Fortführung des Unternehmens zu werben.

Gläubigerzustimmung bei 100 %

Der Erfolg der umfangreichen Restrukturierungsmaßnahmen zeigte bereits sechs Monate nach der Antragstellung, obwohl den meisten Beteiligten (Lieferanten, Kunden, Banken und Richter) die neuen Möglichkeiten der Insolvenzordnung völlig unbekannt waren. Dennoch hatten die Gläubiger dem Insolvenzplan Anfang September zu 100 Prozent zugestimmt. Sie erhalten nun eine Quote von zehn Prozent und damit fast doppelt so viel, wie bei einer Regelinsolvenz üblich ist. Zur Beschleunigung trug vor allem die Möglichkeit der Eigenverwaltung bei. Das Amtsgericht Bielefeld hob das Insolvenzverfahren im Oktober auf. Chief Restructuring Officer Dr. Jochen Vogel verließ die Geschäftsführung der Eisengießerei Karlshütte mit der Aufhebung des Verfahrens. An seine Stelle trat der Kaufmann Volker Ahring, der die noch ausstehenden langfristigen Sanierungsmaßnahmen nun zu Ende führen wird.

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